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Allen Unkenrufen zum Trotz scheint es sich nach und nach auch in Deutschland als attraktives Medium im Internet zu etablieren.
Die zweite Podcastbefragung, die Alex Wunschel(Blick über den Tellerrand) im Sommer 2006 durchführte, zeigte uns, dass Podcasting nicht nur ein Medienhype im virtuellen Wasserglas ist, sondern konstant und beständig neue Konsumenten findet und bindet. So nutzten 56% der Befragten Podcasts bereits länger als ein halbes Jahr, 29% sogar schon über ein Jahr. Auch der Frauenanteil bei den Podcastnutzern stieg im vergangenen Jahr auf erfreuliche 18% an (vorher 11%).
Wunschel präsentierte darüber hinaus auch Zahlen, die die professionelle Medienwelt aufhorchen ließen. So stellte er fest, dass Podcastnutzer plötzlich weniger Radio und Fernsehen konsumieren, als noch vor Podcastzeiten. Lediglich die Lesegewohnheiten blieben annähernd gleich. Scheinbar findet also eine Verlagerung im Medienkonsum statt, wenn man erst einmal die Welt der Podcasts für sich entdeckt hat.
Ob man, wie Wunschel, direkt von einer wachsenden Mediensouveränität reden kann, sei mal dahingestellt, aber irgendetwas scheint schon dran zu sein.
Die letzte ARD/ ZDF Online Studie ermittelte sogar, dass 6% der deut-schen Internet User - immerhin 2,3 Millionen Bundesbürger - sporadisch oder regelmäßig Podcasts konsumieren. Nun sind die großen Medienanstalten nicht unbedingt in Panik verfallen, als ihnen diese Erkenntnisse von der verhältnismäßig kleinen Gruppe der Podcaster unter die Nase gerieben wurde.
Hatte man doch schon längst beschlossen, sich selbst ein Stück vom langsam wachsenden Kuchen zu sichern. Begannen einzelne Anstalten zuerst zaghaft mit interessanten und informationsorientierten Podcastversionen bekannter Formate, wie der Tagesschau, RTL Aktuell, dem Presseclub oder dem WDR2 Montalk, beschlossen sie in der zweiten Jahreshälfte plötzlich die Podcastwelt mit Zweitverwertungen ihrer beliebtesten Formate zu bombardieren.
Für viele Konsumenten eine erfreuliche Entwicklung, für manchen privaten Podcaster ein echter Dorn im Auge. Schließlich landete der verhasste Medienmüll jetzt auch in seinem Universum, das er doch gerade für sich auserkoren hatte, um dem langweiligen Einheitsgedudel Paroli zu bieten. Die Menge und der Bekanntheitsgrad der in der neuen Podcastwelle enthaltenen Podcasts spülte dann auch viele Independentproduktionen in die Nischen zurück, aus denen sie sich gerade aufgemacht hatten, um die Welt zu erobern.
Aber nicht nur aus den bekannten Medien, auch aus Wirtschaft, Politik und Verbänden sprudelten plötzlich Podcastproduktionen, die so manchen privaten Podcastpionier zum Dienstleister in Sachen Podcasts werden ließen.
Große Aufmerksamkeit in den traditionellen Medien erhielten die Podcaster, als sie während der Fußballweltmeisterschaft einen äußerst bekanntem Neuzugang in der Podosphäre verzeichnen konnten. Anfang Juni veröffentlichte Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren ersten
Videopodcast aus dem Kanzleramt.
Auch wenn einige über eine vorgezogene Neujahrsansprache witzelten, verhalf der neue Kommunikationskanal der Kanzlerin der Podcast-Szene schlagartig zu einem größeren Bekanntheitsgrad und stellte quasi auch noch eine gewisse Seriosität mit ein. Bei allen neuen Produktionen im so genannten “corporate“ Bereich musste man jedoch feststellen, dass die Sendungen der Amateure oft bei weitem innovativer und inspirierter als die der Profis waren.
Die Werbebranche hatte die Podcast-Geschichte total verpennt und schläft teilweise noch immer. Einige wenige versuchten dann die ganze Entwicklung herunter zu spielen, indem sie zum Gegenangriff übergingen und gut und gerne mal die ganze Web 2.0-Entwicklung durch den Dreck zogen. Allen voran Christian Cords, Partner der PR-Agentur Fischer-Appelt, der beim Media Coffee Branchen Talk folgende These zum Besten gab: “99,99 Prozent dessen, was das Web 2.0 ausmacht, ist immer noch das Ergebnis egozentrischer Selbstreflektierer.“ Nun gut, fragen wir uns einfach im Stillen was er wohl ist, wenn er es für nötig hält, mit solchen Thesen um sich zu werfen.
Auf der anderen Seite haben sich so manche Podcaster und Podcasthörer auch nicht wirklich mit Ruhm bekleckert, als die Firma audioads mit einem neuen Konzept privaten Podcastern, durch die automatische Vorschaltung eines kurzen Werbespots, eine einfache Möglichkeit für ein paar Werbeeinnahmen bereitstellte. Was nach den ersten Versuchen über manche PodcasterInnen hereinbrach, war nicht mehr schön. Die “Chicks on Tour“ können da ein Lied von singen. Da spielten sich plötzlich selbsternannte Gralswächter der Podosphäre auf, als sei das Ende der Menschheit über sie hereingebrochen. Und das wegen einem popeligen 20-Sekunden Werbespot vor einer fast halbstündigen Sendung!
Die Chicks haben sich aber nicht beirren lassen, was ich ausgesprochen cool fand. Aber so sind die eben…
Ein weiteres, wesentlich ernster zu nehmendes Ärgernis des vergangenen Jahres war sicherlich auch die frustrierende GEMA-Diskussion und das daraus resultierende, wenig sinnvolle Vertragskonzept für die Podcaster. So ist man trotz kostenpflichtigem Vertrag mit der GEMA nicht gegen eventuelle Forderungen der Musikverlage abgesichert und greift am besten auf Podsafe Music zurück. Die dort angebotene Musik ist allerdings in deutschen Landen auch nicht immer GEMA-frei. Ein Problem mit dem sich "Soulmama" Tanja Taube in ihrem Artikel für das PDF-Magazin DER PODCASTER ausgiebig beschäftigte.
Gut 400 andere beschäftigten sich auch mit den unterschiedlichsten Bereichen des Podcastens auf dem ersten Podcastday, der Ende Juni während des Medienforums in Köln stattfand. In der vom Podcastverband mitorganisierten Veranstaltung trafen Erfahrene, weniger Erfahrene und komplett unerfahrene Medienprofis auf motivierte Podcaster. Bei einer Vielzahl von Podiumsdiskussionen und lecker Kölsch versuchte man sich anzunähern und auszutauschen. Eine erfahrene Medien- und PR-Frau gestand mir nach einem Bier gegen Ende des Programms: „Jetzt hab ich vier Vorträge gehört und zig (“zisch“ op Kölsch) von diesen Podcastern ausgequetscht, und ich weiß immer noch nicht, was dieses verdammte Podcasting ist.“ Drei Kölsch später sah die Sache schon entspannter aus.
Einen Monat zuvor veranstaltete der Podcastclub mit dem Verband der deutschen Internetwirtschaft den ersten Podcast Kongress in München. Leider war dieser ruck zuck ausgebucht, da die Veranstalter nicht mit soviel Interesse gerechnet hatten. Dort wurde auch zum ersten Mal der Deutsche Podcast Award verliehen. Auch in der Pesse fand die Veranstaltung - und somit auch das Podcasting - zum ersten Mal ein großes Echo. Leider konnten nicht alle Journalisten die Begeisterung fürs Podcasten teilen, und so titelte ein Vertreter der schreibenden Zunft in der Süddeutschen die “Internetrevolution in Nadelstreifen von Karstadt“. Das namhafte Blatt hätte wohl besser einen Medienspezialisten, als einen Modereporter geschickt. Aber hinterher ist man ja immer schlauer, oder?
Zu guter Letzt möchte ich noch einen Augenmerk auf die zurzeit aktuelle Entwicklung im Internetvideobereich richten. Hier scheint sich bei einigen ein regelrechter Definitionskrieg zwischen Videopodcastern und YouTu-be-Jüngern anzubahnen.
So kommt es nämlich hier und da mal vor, dass einfach in Video-Portale eingestellte Videoclips als Podcasts bezeichnet werden, obwohl sie nicht per RSS-Feed abonniert werden können. Dass das nicht richtig ist, wissen wir Podcaster schon. Deshalb müssen wir den unwissenden Kollegen, oder gar den Portalbetreibern nicht den Krieg erklären. Ganz im Gegenteil: YouTube und Konsorten eignen sich doch hervorragend um auf die eigenen Podcastsendungen hinzuweisen, sie parallel zum Feed zu veröffentlichen und so den Konsumentenkreis zu erhöhen. Deshalb sollte man gerade als Videopodcaster diese Portale als kostengünstige Chance nutzen und nicht nur als Konkurrenz auffassen.
Wie dem auch sei, das Jahr 2006 war für die junge deutsche Podcastszene sicherlich ein richtig Erfolgreiches. Und auch diejenigen, die weniger direkt an der Verbreitung des Mediums, als mehr mit der Produktion eigener, kreativer und neuer Podcastideen beschäftigt waren, haben mit ihren Produktionen zu einem großen Teil zu dieser Entwicklung beigetragen. Denn egal, ob im Verein, einem losen Netzwerk, oder als einsamer Wolf im Podcastuniversum, alle tragen auf Ihre Art dazu bei, die Sache weiter ins rollen zu bringen. Weiter so! 2007 kann kommen! ThA

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