10.06.2007

Podcasts und Politik

Wenn man im Internet nach Podcasts deutscher Politiker oder Parteien sucht, findet man erstaunlicher Weise lediglich eine Hand voll Angebote.

Die Kanzlerin in ihrem Video-Podcast
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Gut drei Jahre nach dem Einzug der Podcasts in deutsche Internetgefilde und einem Jahr nach dem mehr oder weniger großen Durchbruch haben nur wenige in der Politik das Potential dieses Verbreitungsweges erkannt.
Allen voran unsere Kanzlerin, oder besser gesagt Ihr erster Biograph Prof. Dr. Wolfgang Stock, der die ersten Videopodcasts der Kanzlerin auf Spur brachte.
Ein Jahr und 45 Episoden nach dem Start des Videopodcasts “Kanzlerin direkt“ hätte man glauben können, diese hätte eine Lawine von Podcast-produktionen aus dem politischen Lager losgetreten. Doch das ist nicht der Fall. Stattdessen glänzen die meisten Abgeordneten auf Bundes- und Länderebene durch langweilige, oft nichts sagende Internetseiten (mal in Hochglanz, mal ganz unterirdisch) und geben die üblichen, austauschbaren Phrasen zum Besten.

Wo sind sie? Die Volksvertreter, die Ihre Chance nutzen und Ihre Ansichten und Visionen ohne lästige Hürden von Verfremdung, Fehlinterpretation oder gar der Lesemüdigkeit ihrer potentiellen Wähler an die Frau oder den Mann bringen.

Spätestens zu den Wahlkämpfen wird man sich wieder verschiedener Kommunikationswege bedienen und dem geneigten Wählervieh die Augen und Ohren zudröhnen. Doch was ist mit denen, die sich auch zwischen den Wahlen für politische Inhalte interessieren?
PDF-Downloads von Pressemitteilungen und Redemanuskripten sind oft das Einzige, was dem Interessierten angeboten wird. Vielleicht gibt es noch eine schicke Farbbroschüre der Partei, die aber inhaltlich kaum etwas zu bieten hat, dann war es das schon. Hier ist die große Chance für kleine und große Politiker, sich zu präsentieren und Inhalte - ohne wenn und aber - an die Interessierten loszuwerden.

Dabei hat ein Podcast, egal ob Audio oder Video, viele Vorteile.

So fällt die bereits erwähnte Filterung durch den Transmitter (Presse) einfach weg und die Botschaft kann Eins zu Eins kommuniziert werden.

Ein Podcast kann einfach und ohne Anstrengungen konsumiert werden, denn der Empfänger hört und/oder schaut einfach zu. Immer weniger Menschen lesen heutzutage Texte und im Internet hat das noch nie wirklich Freude gemacht. Warum also sollte man den Leuten den Konsum von politischen Informationen nicht erleichtern? Bei Interesse ist der Grad der Aufmerksamkeit sogar um ein Vielfaches höher, als bei üblichen Kommunikationswegen.
Darüber hinaus muss die Produktion eines Podcasts gar nicht teuer sein. Sie kann sogar günstiger sein, als der Druck eines Plakates oder eines Flugblattes. Man benötigt nämlich keinen Hochglanzpodcast mit Telepromptereffekt, wie den der Kanzlerin. Man würde glaubwürdiger beim Bürger ankommen, wenn man frei spricht und keine Schachtelsätze voller Wahlkampffor-meln runter rattert.

Generell sollte man den Wählern außerhalb der Wahlkampfzeiten mehr Aufmerksamkeit schenken und sie vor allem ernst nehmen. Oft erweckt die Politik diesen Eindruck allerdings nicht und die stetig steigenden Zahlen der Politikverdrossenen sprechen Bände.
Eine Orientierung der Politik am Cluetrain-Manifest* wäre hier eine wünschenswerte Sache.

NRW-Ministerpräsident Rüttgers hat da schon einen richtigen Weg eingeschlagen. Er lässt den Bürger selbst die Fragen stellen, die er dann mehr oder weniger frei Schnauze beantwortet. Sicherlich werden die Fragen vorher redaktionell ausgewählt, aber die Tendenz bezüglich der Inhalte können die Fragesteller so sicherlich mit beeinflussen.
Auch der kommunikative Aspekt ist hierbei wesentlich attraktiver, als bei der üblichen Ansprache an die “Zuschauerinnen und Zuschauer“. Statt einer topdown Ansprache erhält hier Jupp Schmitz aus Wanne-Eickel seine persönliche Antwort des Ministerpräsidenten. Das ist ein positives und persönliches Erlebnis für Jupp, dem alle beiwohnen können. Nähe wird geschaffen, der Bürger wird einbezogen. Das schafft keine Standardantwort per Post oder E-Mail. Die Podcast-Sendung wird hier zur persönlichen Bürgersprechstunde, der alle beiwohnen können, wann und wo sie wollen. Der Ministerpräsident ist scheinbar zum Greifen nahe und thront nicht mehr unerreichbar in seiner Kanzlei. So scheint es zumindest.
Darüber hinaus ist das monatliche Format auch noch kostengünstig produziert: Einfach nur Rüttgers und seine Antworten.
Ein schönes Beispiel, dem hoffentlich bald weitere, spannende und innovative Politiker Podcasts folgen werden.´


*Cluetrain Manifest
Eine Sammlung von 95 Thesen, die als idealistische Grundsatzerklärung über das Verhältnis von Unternehmen zu ihren Kunden im Zeitalter des Internet zu sehen ist.

1999 von den Amerikanern R. Levine, C. Locke, D. Searls und D. Weinberger veröffentlicht und von zahlreichen bekannten Experten unterschrieben, kritisiert man die Haltung der Unternehmen gegenüber den Menschen, die lediglich als berechenbare Konsumenten gesehen werden.
Im Gegenzug dazu wird die immer weiter vo-ranschreitende Kommunikation der Menschen im Internet als Möglichkeit erkannt, ein neues Wissen zu schaffen und so die Vormachtstellung der großen Konzerne zu sprengen.

Gerade Thesen wie „Durch das Internet kommen Menschen miteinander ins Gespräch, das war im Zeitalter der Massenmedien undenkbar“ (6), „Hyperlinks untergraben Hierarchien.“ (7), „Es gibt keine Geheimnisse. Der vernetzte Markt weiß mehr als jeder Hersteller über seine Produkte…"(12), zeigen die gesellschaftliche Bedeutung und auch die Notwendigkeit des Internets auf.